Tag 26 – 19.05.2023 Bukarest

Es ist zwar einfach, beim Reisen etwas zu erleben, aber gar nicht so einfach auch zeitnah über das Erlebte zu schreiben. Schwups, schon schreibt man über die Ereignisse von vorgestern. Doch was war vorgestern? Ah ja, der „Wie so eine Anfänger-Touristin“-Tag.

Alles beginnt damit, dass für Bukarest 26 Grad und Sonnenschein angekündigt sind. Endlich richtig schön warm! Endlich die Gelegenheit, die kragenlose luftige Bluse zu tragen! Endlich mal unbeschwert von Pullover, Regenjacke oder auch nur Schal den Tag genießen!

Damit das auch so richtig klappt mit dem „Wie so eine Anfänger-Touristin“-Tag ist es wichtig, auch unten vor dem Haus trotz Nachdenkens nicht noch mal hochzugehen und eine Jacke zu holen. Der anschließende Weg durch den Cișmigiu-Park ist sehr hübsch, wenn auch für das Vorhaben nicht so zielführend.

Das eigentliche Ziel ist da wesentlich hilfreicher: Einmal um den Palatul Parlamentului (den Parlamentspalast), wenn schon nicht hinein. Und solche monumentalistischen Gebäude bieten meist auch nur wenig schattenspendendes Grün drum herum:

Das gesamte Gebäude ist so riesig, dass ich es von der Frontseite nur als Panoramaaufnahme fotografieren kann – und es gibt selbstverständlich unzählige bessere Fotos im Internet. Noch ungeheuerlicher als der Eindruck, wenn man davor steht, ist meines Erachtens die Geschichte des Palastes, eine Geschichte von Ausbeutung, Verschwendung und Zerstörung, deren wichtigste Eckdaten sich recht schnell u.a. in der Wikipedia nachlesen lassen wie auch der Lebenslauf der Architektin. Den Weg um das Gebilde Gebäude verbringe ich mit (weiteren und längst nicht abgeschlossenen) Reflexionen über die politische Entwicklung Rumäniens im 20. Jahrhundert (und wie wenig ich darüber weiß), die zu dieser Situation in den 1980er Jahren führte und auch über Motivation und Charakter der Architektin, die bei Baubeginn erst Anfang 30 und vor dem Gewinn der Ausschreibung völlig unbekannt war. („Ruhm und Ehre“ als Antwort auf diese Frage erscheinen mir nicht ausreichend.)

So sinnierend auf meinem Spaziergang fällt mir auf, dass es inzwischen recht warm im Nacken wird. Das ist der richtige Moment um festzustellen, dass die sorgsam schon zu Hause gekaufte Sonnencreme noch im Koffer liegt.

Da kommt eine kleine Pause an der Biserica Sfântul Ioan Gură de Aur (Kapelle des heiligen Johannes Chrysostomus) gerade recht.

Von dort lässt sich auch ein Blick auf die Baustelle der Kirche mit dem pompösen Namen Catedrala Mântuirii Neamului Românesc (Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes) erhaschen.

Der Bau der Rumänisch-orthodoxen Kirche wird laut Wi*kipedia von dieser, durch Spenden und zu 75% vom rumänischen Staat finanziert, sollte bereits seit Ende 2018 fertig gestellt sein und wird die größte orthodoxe Kirche weltweit. Nun denn – Großprojekt zu Großprojekt.

Immer noch gut aufgewärmt setze ich meinen Weg fort bis zum Mănăstirea Stavropoleos (Kloster Stavropoleos) mit seinem hübschen Innenhof in der Altstadt, das 1724 im Brâncoveanu-Stil von dem griechischen Mönch Ioanichie Stratonikeas erbaut wurde.

Was liegt auf der Suche nach Abkühlung näher, als wieder ein Museum zu besichtigen und da ich neben dem Muzeul Național de Istorie a României (Nationalmuseum für die Landesgeschichte Rumäniens) stehe, gehe ich gleich hinein. Um Professionalität im Anfänger-Touristin-Benehmen zu demonstrieren, ist es nun sehr wichtig, die gesamten Ausstellungen, temporär und permanent, anzusehen, auch wenn die Temperatur im Gebäude sich anfühlt, als hätte man einen Kühlschrank betreten. Sollte man mangels Jacke etc. frieren oder sich gar schon so flau fühlen, dass man sich zwischendurch hinsetzen muss, hilft es, sich mit dem Hinweis weiter zu treiben, dass das vermutlich der einzige Aufenthalt in Bukarest sein wird und somit die einzige Möglichkeit, z.B. einen Blick auf den rumänischen Nationalschatz und die temporäre Ausstellung über die Daker zu werfen.

Doch wie bezaubernd sind die Ausstellungsstücke. Jedes Mal wieder bin ich beeindruckt von dem handwerklichen Geschick, den kreativen und auch ulkigen Formgebungen und dass selbst gläserne Gegenstände Jahrtausende überdauern können. Ist der Fisch nicht hinreissend?

Und wie großartig und „modern“ wirkend sind die kleinen ca. 5.000 Jahre alten Keramikstatuetten aus der Hamangia-Kultur im Neolithikum.

Ein großer zeitlicher Sprung, doch ebenfalls sehr interessant die Ausstellung über das Leben den inzwischen 100jährigen rumänischen Radiojournalisten MIrcea Carp, der nach 1945 für Voice of America und Radio Freies Europa arbeitete.

Nach dem Museumsbesuch schiebe ich das flaue Gefühl auf Hunger und gehe in Fortsetzung des Anfänger-Touristin-Benehmens in eins DER Bukarester Touristenrestaurants überhaupt (über 35.000 Bewertungen können nicht irren…), wo ich unerklärlicherweise Ananas-Ingwer-Limonade bestelle (ich kann Ananassaft nicht leiden) und die Polenta zwar gut, das Essen aber nicht spektakulär und reichlich fettig ist.

Vorbei an der Biserica Crețulescu (Kretzulescu Kirche) und der Statuia Ecvestră a lui Carol I. (dem Reiterstandbild von Carol I.) kehre ich in das Appartement zurück.

Und das, liebe Leserinnen und Leser, ist die Anleitung, wie man Sonnenbrand und Halsentzündung am selben Tag bekommen kann (nicht zur Nachahmung empfohlen!).

Tag 25 – 18.05.2023 Bukarest

In Rumänien ist hier heute kein Feiertag, doch ich verbringe den halben Tag entspannt im Appartement, wasche Wäsche und bastele am Blog. Der Versuch, ein Ticket für eine Führung durch den Parlamentspalast zu bekommen, scheitert daran, dass ausschließlich telefonische Reservierungen akzeptiert werden und die Dame am Telefon dann kurz und bündig erklärt, sie spräche kein Englisch. Aber es gibt ja ausreichend anderes zu besichtigen.

Der erste Weg führt mich zum Athenäum, einer Konzerthalle in Bukarest, die nur 5 Minuten vom Appartement entfernt liegt und ich habe Glück: Hinter einer großen Seitentür, die nur schwer, aber nicht verschlossen ist, sitzt tatsächlich eine freundliche Dame und verkauft mir noch ein Ticket für das Konzert am selben Abend, das online schon als ausverkauft gezeigt wird.

DIe Zeit bis zum Konzert verbringe ich mit einem kleinen Spaziergang und entdecke zufällig ein kleines privates Museum, das Muzeul Theodor Aman. Das Museum selbst befindet sich in dem Haus, das Theodor Aman (1831 – 1891) in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Karl Storck inklusive der Möbel entworfen hat. Dort befand sich sein Atelier und er wohnte ebenfalls da. Das Museum ist so klein und versteckt, dass man klingeln muss, worauf zwei nette Damen einen einlassen und anschließend wie unsichtbare Schatten die einzige Besucherin durch das Erdgeschoss begleiten, wo sich die Ausstellung befindet.

Theodor Aman eröffnete die erste Kunstschule von Rumänien, die „National School of Fine Arts“ und befasste sich vor allem mit Genremalerei.

Der weitere Weg führte vorbei am Memorialul Renașterii (Memorial of Rebirth) zur Erinnerung an die Revolution 1989 (links im Bild das Innenministerium), der Casa de Economii și Consemnațiuni (Hauptsitz der CEC Bank) zum Ufer der Dâmbovița.

Die Architektur ist beeindruckend, den Weg vor sich sollte man dennoch im Blick behalten.

Am Abend höre ich ein sehr schönes Konzert der Staatsphilharmonie George Enescu im Athenäum. Das Gebäude aus dem 19. Jh. war tasächlich ursprünglich für einen Zirkus mit Manege gedacht und wurde wegen Geldmangels dann mittels Spenden eine Konzerthalle.

Der kreisrunde Konzertraum sorgt für eine interessante, insbesondere beim Chor etwas wuchtige Akustik. Gespielt werden das Te Deum von Antonín Dvořák, das Konzert für Klavier und Orchester von Valentin Gheorghiu, einem zeitgenössischen rumänischen Komponisten und nach der Pause ganz klassisch Beethovens 5. Symphonie (die mir sehr gute Laune macht).

Durch eine laue Mainacht geht es zurück ins Appartement.

Tag 24 – 17.05.2023 Von Brașov nach Bukarest

Es ist wieder Reisetag und ich schreibe noch mal über mein etwas spezielles Verhältnis zu Zugreisen.

Nach wie vor genieße ich den großen Luxus, einfach eine Zugverbindung in der App auszuwählen und zu aktivieren, um durch die Gegend reisen zu können. In Italien wurde die Frage nach einer obligatorischen Sitzplatzreservierung, auf die die App hinweist, am Schalter meist im übertragenem Sinne mit „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, steigen Sie einfach in den Zug ein.“ beantwortet. Hier in Rumänien ist das allerdings durchaus verpflichtend und so bin ich rechtzeitig vor der Abfahrt am Bahnhofsschalter, um mir eine Sitzplatzreservierung für 5 RON (umgerechnet ca. 1,- €) ausstellen zu lassen.

Die Zeit bis zur Zugabfahrt überbrücke ich in einem hippen Café in der Nähe auf einem Hochschulcampus, wo ich den Altersdurchschnitt deutlich erhöhe und mich verleiten lasse, irgendeine mit Haselnusssirup aromatisierte Kaffeespezialität zu bestellen, die aus purem Zuckeraroma zu bestehen scheint.

So sehr ich das freie Zugfahren auch schätze, so wenig kann ich mich mit den zugigen Unterführungen, den zerbröckelnden Treppen, über die ich inzwischen sehr versiert (meist mangels Fahrstühlen) den schweren Koffer rauf- und runterschleppe, den lärmenden Dieselloks am Bahnsteig und älteren Zügen und Polstersitzen mit einer Klimatisierung zwischen „völlig überheizt“ oder „kurz vor der nächsten Eiszeit“ anfreunden.

In meiner Idealvorstellung reise ich in modernen, komfortablen (und angenehm temperierten!) Abteilen mit einem freien Sitzplatz neben mir und viel Beinfreiheit, während mein Gepäck sicher am Ende des Waggons verstaut ist und ab und zu jemand mit Snacks und Getränken vorbei kommt. Die Zeit würde ich mit dem Blick auf hinreissende Landschaften am Laptop bloggend mit Stromanschluss verbringen.

In der Realität kämpfe ich mich mit einem großen Koffer durch einen leicht verspäteten, vollen Zug mit anderen Menschen mit zum Teil ebenfalls großen Koffern, kann inzwischen das Ding, falls nötig (aber meist bietet jemand seine Hilfe an), alleine in die Gepäckablage wuchten, woraufhin ich dann hoffe, dass a) der breite Koffer von dort nicht abstürzt oder b) in kleinen Abteilen die Ablage das Koffergewicht auch bis zum Ziel aushält. An das Auspacken des Laptops ist aus Platzmangel meist gar nicht zu denken und in den ICs ist auch nicht sicher eine Steckdose vorhanden oder frei.

So sitze ich stoisch und unglücklich wie früher meine Hundedame beim Autofahren steif auf meinem Platz (heute zumindest am Fenster UND in Fahrtrichtung) und hoffe, dass das Ereignis schnell vorbei geht. Nach den heutigen 2,5 Stunden bin ich schon völlig schlecht gelaunt und frage mich, weshalb ich mich nicht für einen Hotelaufenthalt an der Amalfiküste entschieden habe und ob ich meine Lebenszeit nicht sinnvoller verbringen kann. 4 Stunden sind eigentlich das Maximum, nach 7 Stunden brauche ich gefühlt einen Tag, um mich wieder zu voller Länge zu entfalten. Der Blick aus dem Fenster zeigt zwar zum Teil eine schöne Landschaft, aber wirklich überall sehe ich heute verlassene Gebäude, zerfallene Fabriken oder andere Zeichen von Verfall. Zumindest ein paar Fotos von Wald und Bergen der Karpaten deuten an, wie schön es dort sein kann.

Die sozialistische Tristesse bei der Ankunft in Bukarest vermag die Laune nicht zu heben.

Doch, ach, gegen die Freundlichkeit des Appartement-Vermieters, der mich unten vor dem Gebäude erwartet und zahlreiche Tipps zur Besichtigung von Bukarest gibt, ist auch meine schlechte Laune machtlos und wie toll ist denn dieser Ausblick aus der. 6. Etage in zentralster Lage von Bukarest!

So bin ich zumeist am Ende eines Reisetages wieder versöhnt mit der Welt und neugierig auf den kommenden Tag.