Tag 32 – 25.05.2023 Von Sofia nach Plovdiv

Die Dame an Schalter 21 des Sofioter Bahnhofs strahlt mich an.
Ich strahle zurück, froh, rechtzeitig eine gute halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges um 10:15 am Schalter für internationale Tickets zu stehen und die Sitzplatzreservierung zu kaufen, die ich laut Interrail-App benötige. Ich erkläre auf englisch mein Anliegen. Immer noch überschwänglich lächelnd deutet sie vage mit der Hand in die weite Bahnhofshalle hinter mir. „Downstairs, downstairs. Reservations downstairs.“

Innerlich leise seufzend schleppe ich den großen Koffer die Treppen hinunter, um mich dort an einem der Schalter anzustellen. Diesmal präpariere ich mein Anliegen schon in der Übersetzungsapp, betrachte einmal mehr das kyrillische Schriftbild und hoffe, dass alles richtig übersetzt wurde. Offensichtlich ist das der Fall, denn als ich der tatsächlich nicht englisch sprechenden Dame hinter der Glasscheibe den Text zeige, sehe ich, wie sich erleichtertes Verständnis in ihrer Miene spiegelt, das sich sogleich in bedauernde Ablehnung verwandelt. Wohl in der irrigen Meinung, wenn die App bulgarisch versteht, würde ich es auch verstehen, werde ich mit einem bulgarischen Wortschwall überschüttet. Auf meinen fragenden Gesichtsausdruck hin wird das Ganze lauter und eindringlicher wiederholt und ich werde auch hier durch Handbewegungen weitergewedelt, diesmal an den Nachbarschalter.

Dort werde ich wieder nach oben gewedelt verwiesen und dort, wer hätte es geahnt, von Schalter 15 wieder zu der freundlichen Dame von Schalter 21 für internationale Tickets.

Inzwischen ist es kurz vor zehn und nervös beobachte ich die Diskussion mit dem Pärchen vor mir, dem sie durchaus Tickets verkauft.

Nun bin ich wieder an der Reihe und sehr entschlossen, diesen Teufelskreis des „an den nächsten Schalter gewedelt-Werdens“ zu durchbrechen. „Hi, it’s me again. Your colleagues wouldn’t sell me a reservation because they don’t understand me and the train leaves in about 15 minutes and I need a reservation.“ „Counter 15“ „No, she doesn’t understand me there!“ „Ok, I come with you.“

Worauf sie zur stummen Entrüstung aller hinter mir Wartenden auch wirklich in das Büro von Schalter 15 zu ihrer Kollegin geht, wo mein Interrail-Ticket einer intensiven Prüfung unterzogen wird und mir nach lebhafter Diskussion der beiden Damen untereinander eine Sitzplatzreservierung für 50 Stotinki (ca. 25 Cent) überreicht wird. Geistesgegenwärtig frage ich noch nach dem Gleis (10 East) und sitze rechtzeitig um kurz nach zehn im Zug nach Plovdivv.

Tag 31 – 24.05.2023 Sofia

Heute bin ich im Wesentlichen nur durch die Stadt gebummelt und war auf dem seit 140 Jahren existierenden Zhenski Pazar Market und er ist toll. Ich habe mich sehr beherrscht und nur Erdbeeren gekauft. Und Kirschen. Auch Petersilie. Und Gewürze. Vielleicht noch ein bisschen Rosenlokum. Und eventuell getrocknete Pilze. Sowie ein paar Nüsse. Mehr aber nicht. Der Hund war nicht verkäuflich. Einige Marktstandbesitzer hatten ihre kleinen Hunde dabei, die mehr oder weniger geduldig irgendwo im Regal oder in leeren Obstkisten sassen.

Kunst(plakate) gab’s auch – ich kann aber keinen Kontext liefern.

Dann bin ich Straßenbahn gefahren, was für mich hier gar nicht so einfach ist. Ja, ich bin um das Schild herumgegangen und die Rückseite sah genau so aus.

Nach einem Spaziergang durch den recht belebten Park beim Wassil-Lewski-Stadion ging es mit der Straßenbahn wieder zurück. Aktuell fahren erstaunlich viele Varianten durch die Stadt – ganz moderne in blau-gelb oder ältere Modelle in grün, rot-weiß oder gelb. Mir gefallen die gelben sehr.

Ansonsten spüre ich deutlich, wie das Reiseende näher rückt, ich schon anfange, innerlich Resümee zu ziehen, nach Mitbringseln Ausschau zu halten, über den passenden Ausklang nachzudenken. Gleichzeitig ist da noch eine große Neugier auf die nächsten Etappen und die Hoffnung, auch noch ein wenig von den ersten Reisetagen festzuhalten.

Tag 30 – 23.05.2023 Sofia

Heute auch mit Cat Content. Im weitesten Sinne.

Beim Aufstehen sind es 13 Grad, als ich das Appartement verlassen will, bereits fast 23 Grad und es verspricht, ein sonniger Tag zu werden.

Die Rosen stehen hier schon in voller Blüte. Zunächst gehe ich ins Museum der Illusionen, das mottogemäß etwas mehr verspricht, als es dann hält, aber ein amüsanter Auftakt ist.

Vorbei an der leider derzeit geschlossenen Zentralmarkthalle und der Banja-Baschi-Moschee sowie der Fontäne mit dem schönen Namen „Zentrale Badeanstalt“ spaziere ich ins Museum für Lokalgeschichte.

Das Museum ist im ehemaligen Zentralen Mineralbad Sofia untergebracht. An der Hauswand befindet sich auch noch der Trinkwasserbrunnen, der aus der Thermalwasserquelle gespeist wird. Ich probiere auch gleich – das Wasser ist warm und schmeckt weich und sehr angenehm.

Sofia als eine der ältesten Städte Europas hat eine sehr interessante Siedlungsgeschichte und das Museum tolle Ausgrabungsgegenstände. Ich bin schon wieder ganz begeistert über diesen Tontopf aus dem Neolithikum, der auf das erste Viertel des 6. Jahrtausends v. Chr. datiert ist!

Auch an die Römerzeit und das Mittelalter erinnern beeindruckende Dinge. Das Glas! Die blauen Glasfiguren kann man noch erahnen!

Aus der Zarenzeit Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine etwas befremdliche Inszenierung und schöne Musikinstrumente.

Zu schade, dass das Zentrale Mineralbad Sofia nach der Schliessung 1986 nicht als Bad wiederhergestellt wurde – das Gebäude gibt aber noch einen Eindruck, wie es gewesen sein mag. Ich wäre sofort hinein gegangen!

Weiter geht es vorbei an den Kolonnaden des Einkaufszentrums ZUM, der kleinen Saint Petka Kirche und der Statue der Heiligen Sofia, die meiner Meinung nach sowohl im Hinblick auf die Darstellung (diese Goldfarbe zu dem Schwarz, uggh!) als auch auf die Geschichte recht fragwürdig ist.

Dann vorbei an „Drama, Baby!“ (leider hat mir das Internet nicht verraten, was für eine Statue das ist) und dem armen Löwen, der schon etwas resigniert guckt, weil er seit Jahr und Tag die Alexander-Newski-Kathedrale anstarren muss – die ich von aussen weit spektakulärer als von innen finde.

Herr Kater überlegt, ob er ins Restaurant geht und ich laufe weiter entlang der Sveti Sedmochislenitsi-Kirche und interessanter Architektur in Richtung des Nationalen Kulturpalast.

Vom Kulturpalast geht es weiter zum Vitosha-Boulevard (der mich seltsamerweise an die Frankfurter Freßgass‘ erinnert, ohne dass ich sagen kann, weshalb)

Hinter dem Löwen des Stadtgerichts werfe ich noch einen Blick in die Kathedrale Sweta Nedelja und vorbei am grimmigen Löwen der Löwenbrücke über den Wladaja-Fluss (der eher und zwar seit jeher ein Rinnsal ist) geht es zurück zum Appartement.

Nun mit Blueberry-Cidre auf den Balkon – oder doch lieber Mango-Lime? In diesem Sinne: „Happy Coca-Cola!“