Tag 24 – 17.05.2023 Von Brașov nach Bukarest

Es ist wieder Reisetag und ich schreibe noch mal über mein etwas spezielles Verhältnis zu Zugreisen.

Nach wie vor genieße ich den großen Luxus, einfach eine Zugverbindung in der App auszuwählen und zu aktivieren, um durch die Gegend reisen zu können. In Italien wurde die Frage nach einer obligatorischen Sitzplatzreservierung, auf die die App hinweist, am Schalter meist im übertragenem Sinne mit „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, steigen Sie einfach in den Zug ein.“ beantwortet. Hier in Rumänien ist das allerdings durchaus verpflichtend und so bin ich rechtzeitig vor der Abfahrt am Bahnhofsschalter, um mir eine Sitzplatzreservierung für 5 RON (umgerechnet ca. 1,- €) ausstellen zu lassen.

Die Zeit bis zur Zugabfahrt überbrücke ich in einem hippen Café in der Nähe auf einem Hochschulcampus, wo ich den Altersdurchschnitt deutlich erhöhe und mich verleiten lasse, irgendeine mit Haselnusssirup aromatisierte Kaffeespezialität zu bestellen, die aus purem Zuckeraroma zu bestehen scheint.

So sehr ich das freie Zugfahren auch schätze, so wenig kann ich mich mit den zugigen Unterführungen, den zerbröckelnden Treppen, über die ich inzwischen sehr versiert (meist mangels Fahrstühlen) den schweren Koffer rauf- und runterschleppe, den lärmenden Dieselloks am Bahnsteig und älteren Zügen und Polstersitzen mit einer Klimatisierung zwischen „völlig überheizt“ oder „kurz vor der nächsten Eiszeit“ anfreunden.

In meiner Idealvorstellung reise ich in modernen, komfortablen (und angenehm temperierten!) Abteilen mit einem freien Sitzplatz neben mir und viel Beinfreiheit, während mein Gepäck sicher am Ende des Waggons verstaut ist und ab und zu jemand mit Snacks und Getränken vorbei kommt. Die Zeit würde ich mit dem Blick auf hinreissende Landschaften am Laptop bloggend mit Stromanschluss verbringen.

In der Realität kämpfe ich mich mit einem großen Koffer durch einen leicht verspäteten, vollen Zug mit anderen Menschen mit zum Teil ebenfalls großen Koffern, kann inzwischen das Ding, falls nötig (aber meist bietet jemand seine Hilfe an), alleine in die Gepäckablage wuchten, woraufhin ich dann hoffe, dass a) der breite Koffer von dort nicht abstürzt oder b) in kleinen Abteilen die Ablage das Koffergewicht auch bis zum Ziel aushält. An das Auspacken des Laptops ist aus Platzmangel meist gar nicht zu denken und in den ICs ist auch nicht sicher eine Steckdose vorhanden oder frei.

So sitze ich stoisch und unglücklich wie früher meine Hundedame beim Autofahren steif auf meinem Platz (heute zumindest am Fenster UND in Fahrtrichtung) und hoffe, dass das Ereignis schnell vorbei geht. Nach den heutigen 2,5 Stunden bin ich schon völlig schlecht gelaunt und frage mich, weshalb ich mich nicht für einen Hotelaufenthalt an der Amalfiküste entschieden habe und ob ich meine Lebenszeit nicht sinnvoller verbringen kann. 4 Stunden sind eigentlich das Maximum, nach 7 Stunden brauche ich gefühlt einen Tag, um mich wieder zu voller Länge zu entfalten. Der Blick aus dem Fenster zeigt zwar zum Teil eine schöne Landschaft, aber wirklich überall sehe ich heute verlassene Gebäude, zerfallene Fabriken oder andere Zeichen von Verfall. Zumindest ein paar Fotos von Wald und Bergen der Karpaten deuten an, wie schön es dort sein kann.

Die sozialistische Tristesse bei der Ankunft in Bukarest vermag die Laune nicht zu heben.

Doch, ach, gegen die Freundlichkeit des Appartement-Vermieters, der mich unten vor dem Gebäude erwartet und zahlreiche Tipps zur Besichtigung von Bukarest gibt, ist auch meine schlechte Laune machtlos und wie toll ist denn dieser Ausblick aus der. 6. Etage in zentralster Lage von Bukarest!

So bin ich zumeist am Ende eines Reisetages wieder versöhnt mit der Welt und neugierig auf den kommenden Tag.

Tag 23 – 16.05.2023 Brașov

Von den wenigen Städten, die ich in Rumänien gesehen habe, war Brașov (jahrhundertelang eines der Zentren der Siebenbürger Sachsen) bisher die schönste. Wie bisher in allen dieser Städte ist die Innenstadt/Altstadt wieder zu großen Teilen malerisch restauriert und spätestens an den äußeren Rändern dieser Innenstädte beginnt es dann zu „bröckeln“ oder sieht zumindest häufig wie lange nicht mehr instand gehalten aus.

Der heutige Tag führt mich einfach kreuz und quer durch die Stadt. Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich gleich an futuristisch anmutender sozialistischer Hochhausarchitektur vorbei:

So alt und zerfallen auch manchmal die Gebäude sein mögen, so voller Schlaglöcher und Unebenheiten Straßen und Bürgersteige, so gibt es bisher in allen Orten sehr schöne Parks, so auch hier und auch mit interessanten Denkmälern wie das von Andrei Muresanu, Poet und Revolutionär (was ja insbesondere in dieser Konstellation eine schwer zu übertreffende Berufsbezeichnung ist). Und überall blühen die Kastanien!

Denkmal von Andrei Muresanu

Im Park auch ein Theater, das ich aufgrund der Plakate sofort besuchen würde, könnte ich nur etwas verstehen:

Alt und neu stehen häufig in spannendem Kontrast wie hier die Gebäude links und rechts vom Park:

Durch die Altstadt gelange ich zur Biserica Neagră (Schwarzen Kirche), wie sie seit einem Brand im 17. Jahrhundert genannt wird, und erfahre zum ersten Mal von dem siebenbürgisch-sächsischen Humanisten, Reformator und Universalgelehrten Johannes Hortenus aus dem 16. Jh., der einen äusserst spannendes Leben geführt und u.a. die Reformation in Siebenbürgen eingeführt hat.

In der strengen, kalten und dunklen gotischen Kirche fand ich das (deutsch beschriftete) Zunftgestühl am beeindruckendsten, hier die Darstellung der zehn Tugenden:

Über den Marktplatz und durch die Altstadt zurück spaziere ich zum Muzeul Amintirilor din Comunism (Tales of Communism Museum). Das ist ein sehr kleines Museum und es versammelt zahlreiche Gegenstände (Möbel, Gegenstände des täglichen Gebrauchs etc.) aus der Zeit des Kommunismus in Rumänien. Ergänzt wird diese Sammlung durch anekdotische Berichte von Zeitzeugen, die gerade durch die Schilderung persönlicher Erfahrungen auf eindringliche Weise die Auswirkungen insbesondere der unmenschlichen Austeritäts- und Familienpolitik unter der Ceau*șescu-Diktatur veranschaulichen. Heute erscheint es unvorstellbar, dass hier noch in den 1980er Jahren Strom, Heizung und auch Lebensmittel bis hin zur Hungersnot rationiert waren. Eindrücklich ist auch die Wandtafel der Ereignisse um László Tőkés, die schließlich Ende 1989 mit zum Sturz des Regimes führen. Im Park von Brașov erinnert nicht nur ein Denkmal an die hier getöteten RevolutionärInnen, sondern sie sind auch hier im Park inmitten der Stadt bestattet:

Im Anschluss wandere ich ein Haus weiter zum Muzeul de Artă (Kunstmuseum) und fühle mich schon ein ganz klein wenig bewandert, als ich auch hier Bilder von Nicolae Grigorescu und Ștefan Luchian sehe, deren Werken ich auch schon in Cluj Napoca begegnet bin, und die mit Ion Andreescu als Mitbegründer der modernen rumänischen Malerei gelten.

Ștefan Luchian „Two Cats“

Die temporäre Ausstellung moderner Kunst thematisiert bildkräftig den Klimawandel:

Auf dem Weg zurück zum B&B mache ich noch einen kurzen Abstecher zum Turnul Alb (Weissen Turm), von dem aus man einen schönen Blick auf die Stadt am Fuße der Karpaten hat:

Tag 22 – 15.05.2023 Von Cluj Napoca nach Brașov

Juchu, ein Reiseblog! Nun ist es mir doch noch gelungen, zum Beginn der zweiten Reisehälfte ein Blog zu erstellen und nachdem ich glaube, das Erstellen war schwieriger als das Schreiben sein wird, bin ich ganz zuversichtlich, nun auch regelmässig von unterwegs zu schreiben.

Vielleicht gelingt es mir sogar, nach und nach die Lücken zwischen Tag 3 und Tag 22 noch zu füllen (und vor allem in der richtigen Reihenfolge), aber heute erst einmal „ganz im Hier und Jetzt“.

Von Zeit zu Zeit würde ich mir ja auch für das Leben die Ansage wünschen „Sie befinden sich hier.“ und zumindest geografisch ist das leicht zu beantworten: ich habe in den letzten drei Wochen den Weg von Köln zu dem gelben Punkt auf der Karte zurückgelegt und der gelbe Punkt ist Brașov in Rumänien, der gelbe Streckenteil die heutige Zugfahrt. (Warum Interrail auch stets die Luftlinie vom Startpunkt anzeigt, hat sich mir bisher nicht erschlossen).

Dieser gelbe Streckenteil hatte es in sich und der heutige Abend sieht mich etwas gnatzelig, nachdem ich meine eigenen Regeln „Fahre nicht länger als maximal 4 Stunden Zug am Stück!“ und „Nimm keinen Zug am Montagmorgen!!!“ erfolgreich ignoriert habe.

So bin ich nach 7 Stunden Fahrt in einem recht vollen 8er-Abteil (bisher noch nie gesehen) gegen die Fahrtrichtung sitzend sehr glücklich über die Ankunft in Brașov gewesen.

„Damoklesschwert“ eigener Koffer im Gepäckfach – sehr froh, dass das 7 Stunden gehalten hat.

Die Bahnhofshalle in Brașov hat sowohl einen interessanten Stil als auch einen Bücherautomaten:

Das schöne Zimmer im B&B und ein leckerer rumänischer Sauvignon Blanc lassen die Gnatzeligkeit nun langsam abklingen und ich bin gespannt darauf, morgen die Stadt zu entdecken.