Tag 33 – 26.05.2023 Plovdiv

Über Plovdiv lobend zu schreiben ist ein wenig wie Eulen nach Athen zu tragen. Eine der ältesten Städte Bulgariens. Kulturhauptstadt Europas 2019. Vorgeschlagen für das UNESCO Weltkulturerbe (wenn auch zurückgezogen). Man kann sich leicht und in besserer chronologischer Reihenfolge als hier die herausragenden Denkmäler und die sehr lange und interessante Geschichte im Internet heraussuchen (hier fand ich den englischen Wi*kipedia Artikel sehr hilfreich). Ich habe sie mir beim Spaziergang durch die Stadt ein wenig „erpuzzelt“ frei nach dem Motto „When in Plovdiv do as the tourists do.“.

Plovdiv wirkt wie die mit Abstand am umfassendsten modernisierte Stadt Bulgariens, die ich besuche und die „touristischste“ obendrein. Bereits am Bahnhof wird man durch eine Unterführung geleitet, in der sich Souvenirladen an Souvenirladen reiht (ein Aufzug wäre mir wieder lieber gewesen, grummel). In der Fußgängerzone ist Plovdiv von einer westeuropäischen Stadt kaum zu unterscheiden. Ebenfalls auffällig in einem Land, zu dem man viel über die alternde und zahlenmäßig schrumpfende Bevölkerung lesen kann (von 8,8 Mio. 1980 zu derzeit 6,8 Mio.) ist der sehr hohe Anteil an jungen Menschen, vermutlich auch aufgrund der Universitäten der Stadt.

Mein Weg führt mich an der Staatsoper Plovdiv vorbei, leider gibt es während meines Aufenthalts keine Aufführung, Richtung Innenstadt und Forum Romanum von Philippopolis (im Hintergrund das Gebäude der Hauptpost).

Von dort geht es durch die Fußgängerzone und vorbei an den Resten des antiken Stadions zur Sveta Bogoroditsa Kirche. – Das Schaf mit seinem allzu menschlichen Blick macht mir etwas Angst.

Auch neben der Kirche gibt es Rätselhaftes zu bestaunen. Vorne Sphinx mit Insektenaugen und hinten Meerjungfrau? Bei der Morgengymnastik? Leider habe ich nirgendwo herausfinden können, worum es sich bei dieser wohl modernen Statue handelt.

Das antike Theater ist wirklich großartig – Standort, Ausblick, Erhaltungszustand. Sehr schade, dass es noch zu früh im Jahr für eine Aufführung darin ist.

Von dort spaziere ich weiter durch die Altstadt von Plovdiv, für die „malerisch“ genau der richtige Begriff ist. Einige der alten Kaufmannshäuser wurden (zum Teil erst in den letzten sechs, sieben Jahren) aufwändig restauriert. Z.B. ist sowohl die Dokumentation als auch das Ergebnis der Restaurierung des Klianti House, dem Wohn- und Geschäftssitz eines wohlhabenden Kaufmanns im 19. Jahrhundert, sehenswert.

Auch den weiteren Nachmittag verbringe ich mit dem Bummeln durch die Altstadt mit dem Hippocrates Pharmacy Museum, dem Hisar Kapia Tor und dem regionalen ethnographischen Museum. Highlight ist natürlich der Hund aus dem 21. Jahrhundert.

Auch besichtige ich dort das historische Museum. Es widmet sich neben der Darstellung der Stadtgeschichte und dem Miteinander der verschiedenen Kulturen und Religionen auch dem Thema der „bulgarischen Wiedergeburt“. Ein Schwerpunkt liegt insbesondere auf der 3. Phase im 19. Jahrhundert, die schließlich mit zur Unabhängigkeit Bulgariens (vom osmanischen Reich) führt (extremst verkürzt dargestellt). Davon beschäftigt sich wiederum ein nicht unwesentlicher Teil mit Vasil Lewski, dem „Apostel der Freiheit“, der sich in so zahlreicher Hinsicht (Jugendlichkeit, Aussehen, Sendungsbewusstsein, tragischer Tod) als Identifikationsfigur für die Unabhängigkeitsbewegung eignet, dass es sich nicht besser ausdenken liesse.

Der Rückweg führt noch an erstaunlichen Anregungen für Souvenirs und Mitbringsel vorbei.

Nach einem sehr guten Tuna tataki in Sesamkruste im Restaurant Hemingway geht es durch den Tsar Simeon Garden zurück ins Appartment.

Tag 32 – 25.05.2023 Von Sofia nach Plovdiv

Die Dame an Schalter 21 des Sofioter Bahnhofs strahlt mich an.
Ich strahle zurück, froh, rechtzeitig eine gute halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges um 10:15 am Schalter für internationale Tickets zu stehen und die Sitzplatzreservierung zu kaufen, die ich laut Interrail-App benötige. Ich erkläre auf englisch mein Anliegen. Immer noch überschwänglich lächelnd deutet sie vage mit der Hand in die weite Bahnhofshalle hinter mir. „Downstairs, downstairs. Reservations downstairs.“

Innerlich leise seufzend schleppe ich den großen Koffer die Treppen hinunter, um mich dort an einem der Schalter anzustellen. Diesmal präpariere ich mein Anliegen schon in der Übersetzungsapp, betrachte einmal mehr das kyrillische Schriftbild und hoffe, dass alles richtig übersetzt wurde. Offensichtlich ist das der Fall, denn als ich der tatsächlich nicht englisch sprechenden Dame hinter der Glasscheibe den Text zeige, sehe ich, wie sich erleichtertes Verständnis in ihrer Miene spiegelt, das sich sogleich in bedauernde Ablehnung verwandelt. Wohl in der irrigen Meinung, wenn die App bulgarisch versteht, würde ich es auch verstehen, werde ich mit einem bulgarischen Wortschwall überschüttet. Auf meinen fragenden Gesichtsausdruck hin wird das Ganze lauter und eindringlicher wiederholt und ich werde auch hier durch Handbewegungen weitergewedelt, diesmal an den Nachbarschalter.

Dort werde ich wieder nach oben gewedelt verwiesen und dort, wer hätte es geahnt, von Schalter 15 wieder zu der freundlichen Dame von Schalter 21 für internationale Tickets.

Inzwischen ist es kurz vor zehn und nervös beobachte ich die Diskussion mit dem Pärchen vor mir, dem sie durchaus Tickets verkauft.

Nun bin ich wieder an der Reihe und sehr entschlossen, diesen Teufelskreis des „an den nächsten Schalter gewedelt-Werdens“ zu durchbrechen. „Hi, it’s me again. Your colleagues wouldn’t sell me a reservation because they don’t understand me and the train leaves in about 15 minutes and I need a reservation.“ „Counter 15“ „No, she doesn’t understand me there!“ „Ok, I come with you.“

Worauf sie zur stummen Entrüstung aller hinter mir Wartenden auch wirklich in das Büro von Schalter 15 zu ihrer Kollegin geht, wo mein Interrail-Ticket einer intensiven Prüfung unterzogen wird und mir nach lebhafter Diskussion der beiden Damen untereinander eine Sitzplatzreservierung für 50 Stotinki (ca. 25 Cent) überreicht wird. Geistesgegenwärtig frage ich noch nach dem Gleis (10 East) und sitze rechtzeitig um kurz nach zehn im Zug nach Plovdivv.

Tag 31 – 24.05.2023 Sofia

Heute bin ich im Wesentlichen nur durch die Stadt gebummelt und war auf dem seit 140 Jahren existierenden Zhenski Pazar Market und er ist toll. Ich habe mich sehr beherrscht und nur Erdbeeren gekauft. Und Kirschen. Auch Petersilie. Und Gewürze. Vielleicht noch ein bisschen Rosenlokum. Und eventuell getrocknete Pilze. Sowie ein paar Nüsse. Mehr aber nicht. Der Hund war nicht verkäuflich. Einige Marktstandbesitzer hatten ihre kleinen Hunde dabei, die mehr oder weniger geduldig irgendwo im Regal oder in leeren Obstkisten sassen.

Kunst(plakate) gab’s auch – ich kann aber keinen Kontext liefern.

Dann bin ich Straßenbahn gefahren, was für mich hier gar nicht so einfach ist. Ja, ich bin um das Schild herumgegangen und die Rückseite sah genau so aus.

Nach einem Spaziergang durch den recht belebten Park beim Wassil-Lewski-Stadion ging es mit der Straßenbahn wieder zurück. Aktuell fahren erstaunlich viele Varianten durch die Stadt – ganz moderne in blau-gelb oder ältere Modelle in grün, rot-weiß oder gelb. Mir gefallen die gelben sehr.

Ansonsten spüre ich deutlich, wie das Reiseende näher rückt, ich schon anfange, innerlich Resümee zu ziehen, nach Mitbringseln Ausschau zu halten, über den passenden Ausklang nachzudenken. Gleichzeitig ist da noch eine große Neugier auf die nächsten Etappen und die Hoffnung, auch noch ein wenig von den ersten Reisetagen festzuhalten.