Es ist wieder Reisetag und ich schreibe noch mal über mein etwas spezielles Verhältnis zu Zugreisen.
Nach wie vor genieße ich den großen Luxus, einfach eine Zugverbindung in der App auszuwählen und zu aktivieren, um durch die Gegend reisen zu können. In Italien wurde die Frage nach einer obligatorischen Sitzplatzreservierung, auf die die App hinweist, am Schalter meist im übertragenem Sinne mit „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, steigen Sie einfach in den Zug ein.“ beantwortet. Hier in Rumänien ist das allerdings durchaus verpflichtend und so bin ich rechtzeitig vor der Abfahrt am Bahnhofsschalter, um mir eine Sitzplatzreservierung für 5 RON (umgerechnet ca. 1,- €) ausstellen zu lassen.


Die Zeit bis zur Zugabfahrt überbrücke ich in einem hippen Café in der Nähe auf einem Hochschulcampus, wo ich den Altersdurchschnitt deutlich erhöhe und mich verleiten lasse, irgendeine mit Haselnusssirup aromatisierte Kaffeespezialität zu bestellen, die aus purem Zuckeraroma zu bestehen scheint.

So sehr ich das freie Zugfahren auch schätze, so wenig kann ich mich mit den zugigen Unterführungen, den zerbröckelnden Treppen, über die ich inzwischen sehr versiert (meist mangels Fahrstühlen) den schweren Koffer rauf- und runterschleppe, den lärmenden Dieselloks am Bahnsteig und älteren Zügen und Polstersitzen mit einer Klimatisierung zwischen „völlig überheizt“ oder „kurz vor der nächsten Eiszeit“ anfreunden.
In meiner Idealvorstellung reise ich in modernen, komfortablen (und angenehm temperierten!) Abteilen mit einem freien Sitzplatz neben mir und viel Beinfreiheit, während mein Gepäck sicher am Ende des Waggons verstaut ist und ab und zu jemand mit Snacks und Getränken vorbei kommt. Die Zeit würde ich mit dem Blick auf hinreissende Landschaften am Laptop bloggend mit Stromanschluss verbringen.
In der Realität kämpfe ich mich mit einem großen Koffer durch einen leicht verspäteten, vollen Zug mit anderen Menschen mit zum Teil ebenfalls großen Koffern, kann inzwischen das Ding, falls nötig (aber meist bietet jemand seine Hilfe an), alleine in die Gepäckablage wuchten, woraufhin ich dann hoffe, dass a) der breite Koffer von dort nicht abstürzt oder b) in kleinen Abteilen die Ablage das Koffergewicht auch bis zum Ziel aushält. An das Auspacken des Laptops ist aus Platzmangel meist gar nicht zu denken und in den ICs ist auch nicht sicher eine Steckdose vorhanden oder frei.
So sitze ich stoisch und unglücklich wie früher meine Hundedame beim Autofahren steif auf meinem Platz (heute zumindest am Fenster UND in Fahrtrichtung) und hoffe, dass das Ereignis schnell vorbei geht. Nach den heutigen 2,5 Stunden bin ich schon völlig schlecht gelaunt und frage mich, weshalb ich mich nicht für einen Hotelaufenthalt an der Amalfiküste entschieden habe und ob ich meine Lebenszeit nicht sinnvoller verbringen kann. 4 Stunden sind eigentlich das Maximum, nach 7 Stunden brauche ich gefühlt einen Tag, um mich wieder zu voller Länge zu entfalten. Der Blick aus dem Fenster zeigt zwar zum Teil eine schöne Landschaft, aber wirklich überall sehe ich heute verlassene Gebäude, zerfallene Fabriken oder andere Zeichen von Verfall. Zumindest ein paar Fotos von Wald und Bergen der Karpaten deuten an, wie schön es dort sein kann.


Die sozialistische Tristesse bei der Ankunft in Bukarest vermag die Laune nicht zu heben.



Doch, ach, gegen die Freundlichkeit des Appartement-Vermieters, der mich unten vor dem Gebäude erwartet und zahlreiche Tipps zur Besichtigung von Bukarest gibt, ist auch meine schlechte Laune machtlos und wie toll ist denn dieser Ausblick aus der. 6. Etage in zentralster Lage von Bukarest!


So bin ich zumeist am Ende eines Reisetages wieder versöhnt mit der Welt und neugierig auf den kommenden Tag.